GeDenkOrt.Charité

„Der Anfang war eine feine Verschiebung in der Grundeinstellung der Ärzte. ...“

So urteilte Leo Alexander 1947 als Sachverständiger im Nürnberger Ärzteprozess. Der aus Deutschland vertriebene Neurologe machte damit eine Aussage, die – angesichts moderner Ideen von der Beherrschbarkeit und Vervollkommnung des menschlichen Körpers mit medizinischen Mitteln – weiterhin zur Wachsamkeit auffordert.

Deutschland und insbesondere Berlin haben die deutsche Vergangenheit in Form vieler Denkmäler gewürdigt. Bemerkenswert ist, dass von Seiten der Wissenschaft nur einzelne Institute (z. B. Max Planck Gesellschaft, Robert Koch Institut) ihre Vergangenheit systematisch aufgearbeitet haben. An der Charité existiert bislang kein sichtbarer, zentraler Ort des Gedenkens; und trotz einiger Ansätze blieb bislang auch die historisch- wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Zeit Stückwerk.

Vor diesem Hintergrund ist das Projekt „GeDenkOrt.Charité“ dringlich und schließt eine lang bestehende Lücke in der Erinnerungskultur, die so wichtig ist für die gegenwärtige und zukünftige Identität dieser traditionsreichen Institution. Die Charité als international hoch angesehene Universitätsklinik, an der Ärzte und Wissenschaftler auf Spitzenniveau forschen, heilen und lehren, Studierende ihre Ausbildung erhalten und ihr Wissen weitertragen, muss hier deutlichere Maßstäbe setzen.

Es ist ein zentrales Anliegen der Charité, mit der Einrichtung eines auf dem historischen und damit authentischen Campus in Berlin-Mitte zu schaffenden „GeDenkOrt.Charité“ zum Thema „Wissenschaft in Verantwortung“ eine auch öffentlich wahrnehmbare Haltung zum Ausdruck zu bringen. Die universitäre Medizin in Forschung, Lehre und Krankenversorgung soll konkret darauf verpflichtet werden, sich mit der nationalsozialistischen Geschichte der Charité auseinanderzusetzen. Zur Zeit des Dritten Reiches folgten große Teile der Ärzteschaft und des pflegenden Personals bereitwillig den Paradigmen des herrschenden Regimes. „Nicht-arische“ Kolleg_innen wurden geächtet, entlassen und vertrieben, Anweisungen höher gestellter Kolleg_innen, die Mitglieder oder Anhänger der NSDAP waren, wurden unkritisch befolgt. Das Empfinden für kollektive oder individuelle moralische Verantwortung kollabierte, was zu einer weitgehenden Auflösung ethischer Grundlagen verantwortungsvoller medizinischer Betreuung und Wissenschaft führte.

Erinnern und Gedenken sind jedoch kein Selbstzweck. Wer sich seiner Vergangenheit vergewissert, tut dies um der Gegenwart und Zukunft willen. Hier geht es um nichts Geringeres als die Würde des Menschen, die gestern, heute und morgen unantastbar sein sollte. Dies gilt auch und in besonderem Maße in der Medizin und in Krankenhäusern als Orte körperlicher wie emotionaler Verletzbarkeit. Patient_innen befinden sich hier in Situationen, in denen sie die Kontrolle über Körperfunktionen an Andere übergeben, Situationen welche ein hohes Maß an Vertrauen und Sensibilität erfordern. Die medizinische Betreuung im Krankenhaus und die universitäre, wissenschaftliche Forschung finden nicht in einem moralfreien Raum statt. Untersuchungen, Studien und Experimente im Namen der medizinischen Wissenschaft müssen daher immer unter Gewährleistung moralischer Integrität durchgeführt werden.

Bei dem Vorhaben handelt es sich um ein für die Charité und für Berlin längst überfälliges, notwendiges und zukunftsweisendes Projekt. Der Aufruf zu einer aktiven Auseinandersetzung mit den Anforderungen und Dimensionen einer „Wissenschaft in Verantwortung“ sowie möglicher ethischer Gefährdungszonen richtet sich dabei insbesondere an die Studierenden sowie die jungen Ärztinnen und Ärzte der Charité. Darüber hinaus wendet er sich aber auch an die breite Öffentlichkeit, der in existentiellen Fragen von Gesundheit und Krankheit Mitsprache und Partizipation gebührt.

Der „GeDenkOrt.Charite“ soll über Rituale hinausgehen und offene, andauernde und nachhaltige Diskurse zum Thema „Wissenschaft in Verantwortung“ ermöglichen. Kritische Reflektionen und Analysen sollen nicht auf Gremien und Arbeitsgruppen beschränkt werden, sondern den Alltag all derer durchdringen, die unablässig um die Verbesserung der medizinischen Versorgung bemüht sind. Sie sollen damit auch die Grundlagen einer ethisch verantwortungsvollen medizinischen Ausbildung, Wissenschaft und Praxis bilden.

Man könnte meinen, diese Aussagen seien überflüssig angesichts der heutigen medizinischen Landschaft, die sich durch Qualitätssicherung, auf Evidenz basierende Therapiemethoden, ethisch einwandfreie klinische Studien und einen umfassenden Katalog grundlegender Sicherheitsvorkehrungen auszeichnet. Und doch müssen wir nur einen Blick auf unsere jüngere Geschichte werfen, um zu sehen, dass dies nicht immer der Fall gewesen ist, und dass wir auch heute stets wachsam und reflektiert bleiben müssen, um eine gewissenhafte und nachhaltige "Wissenschaft in Verantwortung" zu gewährleisten.

GeDenkOrt.Charité“ ist ein großes Vorhaben, das aus mehreren Komponenten besteht, die von der Gestaltung eines konkreten Ortes des Gedenkens über wissenschaftliche Projekte, die Einrichtung einer Gastprofessur und die thematische Einbindung in das Curriculum des Modellstudiengangs Medizin bis zu öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten reichen. Der Freundeskreis der Charité unterstützt dieses Projekt durch die Finanzierung der Infobox, die in der psychiatrischen Klinik auf dem Campus Mitte entsteht.